ISBN: 978-3-89754-665-3
Hardcover, Fadenheftung, zahlr. farb. Abbildungen. 2 Bände im Paket.
Band 1: 200 Seiten, 225 x 305 x 17 mm
Band 2: 188 Seiten, 225 x 305 x 16 mm
1665-Inhalt-Band-1-und-2-Buchwald.pdf
Niedlich, kitschig, verspielt. Mit Scherenschnitten und Schattenrissen besteigt man nicht den Thron der Kunst. Sie sind bestenfalls (weibliches) Kunsthandwerk und weit entfernt von der sogenannten Hochkunst. Sie gehören nicht zum Kanon der Künste. Wer Schnittbilder schneidet, ist keine Künstlerin oder Künstler, sondern Hobbyistin und Hobbyist. Diese gängigen Vorurteile prägen die Schnittkunst seit ihrem Aufkommen um 1600 in Deutschland. Bewunderte man die Fingerfertigkeit begabter Dilettantinnen und Dilettanten des 17. und 18. Jahrhunderts, tat man sie im Werk eines Künstlers wie Philipp Otto Runge (1777–1810) oder Henri Matisse (1869–1954) lange als geringschätzig und unerheblich ab.
Seit den 1990er-Jahren erlebt die Schnittkunst nun international ein Revival. Sie wird vom Betriebssystem Kunst als etwas völlig Neues gefeiert und wird gar zum ›Label Cutout‹. Dabei wird oft missachtet, dass die Schnittkunst über eine jahrhundertealte Geschichte und Genese verfügt, die sich mit dem Dispositiv des künstlerischen Dilettantismus umschreiben lässt. Es ist eine Geschichte über die kanonisierte, westeuropäische Kunstgeschichte, über Exklusion und Inklusion eines Systems, das seine Grenzen nach außen stets zu verteidigen wusste.
Gegenstand vorliegender Studie ist eine Kunst- und Kulturgeschichte des Scherenschnitts und Schattenrisses von 1600 bis heute in Europa und Nordamerika vor dem Hintergrund des künstlerischen Dilettantismus. Es soll gezeigt werden, dass die aus dem kunsthistorischen Kanon exkludierten Medien Scherenschnitt und Schattenriss eine bisher verborgene Erfolgsgeschichte der Frühen Neuzeit und Moderne sind, die selbstanregend auf moderne und zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen wirk(t)en.
Die zahlreichen künstlerischen Fallbeispiele vom frühen 17. Jahrhundert an offenbaren die enorme visuelle Heterogenität der Schnittkunst: Sie reicht vom intimen Andachtsbild, dem ornamentalen Buchschmuck, dem szenischen oder dekorativen Weiß- und Schwarzschnitt, über theatrale und kinematografische Schattenrisse bis hin zu den modernen und gegenwärtigen multimedialen Schnittwerken und Installationen in der internationalen Kunstszene.
Aus drei Perspektiven wird das Thema beleuchtet: Geschichte und Genese der Schnittkunst, ihre Kontextualisierung mit dem Phänomen Dilettantismus sowie eine mediumstheoretische Analyse anhand von Fallbeispielen. Ziel ist es zu zeigen, wie sich eine dilettantische Gestaltungspraxis über die Jahrhunderte zu einem Medium der sogenannten Hochkunst entwickelt hat. Ist der vom deutschen Kunstbetrieb heute verwendete Begriff ›Cutout‹ tatsächlich eine neue Kunstform? Oder war das System Kunst bisher blind für diese exkludierten Künste? Welche Potenziale schlummern im Dilettantismus? Und welcher Kunstbegriff steckt dahinter? Antje Buchwald ist Kunsthistorikerin und Autorin. Sie studierte an der Universität Leipzig Kunstgeschichte, Kulturwissenschaften sowie Klassische Archäologie. Sie war langjährige Vorstandsvorsitzende des Deutschen Scherenschnittvereins sowie Chefredakteurin der Verbandszeitschrift Schwarz auf Weiß. Von Rundfunk, Film und Kunstinstitutionen wird sie als Expertin für die Schnittkunst geschätzt. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Prof Fritz Griebel-Nachlassverwaltung wird demnächst ihre vierte Publikation im J. H. Röll Verlag vorliegen: »Träumen und Dichten mit der Schere«. Fritz Griebels Schattentheater in Leo Weismantels organischer Gestaltungspädagogik.